Inszenierte Authentizität

Prominente Zeitgenossen verraten, wie sie mit ihrem Medien-Image umgehen.

Medienmenschen

Wer mein Faible für wörtliche Interviews teilt und sich zudem mit der modernen Mediengesellschaft samt all ihrer Chancen und Risiken der Selbst- und Falschdarstellung auseinandersetzen möchte, dem lege ich heute ein interessantes Buch ans Herz: „Medienmenschen“, herausgegeben von Jens Bergmann, Redakteur beim Wirtschaftsmagazin „brand eins“, und Professor Dr. Bernhard Pörksen, Kommunikationswissenschaftler der Uni Hamburg. Letzterer ließ rund zwei Dutzend seiner Studentinnen und Studenten prominente Zeitgenossen zu ihren Erfahrungen mit den Medien interviewen.

Wie funktioniert das Geschäft mit der Selbstdarstellung? Geben die Medien Persönlichkeiten authentisch wieder? Inwieweit können Persönlichkeiten des öffentlichen Interesses ihre Darstellung in den Medien und damit ihr Image in der Öffentlichkeit steuern? Und wenn ja – zu welchem Preis? Ist moderne Medienarbeit eine Täter-Opfer-Konstellation oder doch – wie auch von mir in meinen Medientrainings propagiert – eine geschäftliche Kooperation, aus der beide Parteien, Prominente und Medien, als Gewinner hervorgehen können?

Zu Wort kommen Schauspieler wie Mathieu Carrière und Anouschka Renzi, Künstler wie Oda Jaune und André Heller, Fernsehstars wie Tim Mälzer, Verona Pooth geb. Feldbusch oder Günter Netzer, die Sportler Regina Halmich und Franziska van Almsick sowie die Politiker Joschka Fischer, Gregor Gysi, Andrea Nahles, Claudia Roth und Ursula von der Leyen. Rede und Antwort standen weiterhin die Schriftstellerin Else Buschheuer, das Topmodel Luca Gadjus, Trigema-Chef Wolfgang Grupp, die Publizisten Hans-Olaf Henkel, Paul Sahner, Frank Schirrmacher und Roger Willemsen, der Philosoph Peter Sloterdijk und andere bekannte Medienmenschen.

Nahezu alle Gespräche sind fesselnd. An dieser Stelle möchte ich jedoch drei Prominente herausgreifen, die mir nach dem Fertiglesen des Buches am besten in Erinnerung geblieben sind.

Da ist zum einen der ehemalige Bundesverfassungsrichter und Jura-Professor Paul Kirchhof. Er scheiterte im Wahlkampf-Kompetenzteam der heutigen Bundeskanzlerin Angela Merkel an der Tatsache, dass sich sein Steuermodell, das paradoxerweise eine Vereinfachung des deutschen Steuerwesens zum Inhalt hatte, nicht in einer medientauglichen Länge darstellen ließ. Aus seinem Ausflug in die Politik berichtet er in „Medienmenschen“ von Journalisten, „die mir während eines Gesprächs deutlich machten, dass in einer Stunde Redaktionsschluss sei, und deshalb eine gewisse Flüchtigkeit notwendig werde. Doch um mein Steuersystem zu verstehen, brauchen meine Studenten ein Semester.“

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Dies wirft für mich die Frage auf, ob Ideen und Projekte in der öffentlichen Meinung und Wahrnehmung nur noch dann überlebensfähig sind, wenn sie in kürzester Zeit darstellbar sind und somit jeglicher Komplexität entbehren. Teilnehmer meiner Medientrainings wissen, dass ich ein Verfechter möglichst einfacher Darlegungen und kurzer, prägnanter Statements bin, doch der Gedanke an immer oberflächlichere und bis zum Äußersten simplifizierte Aussagen von Politikern nur aus Gründen der besseren medialen Vermittelbarkeit macht mich nachdenklich.

Erschreckt haben mich die Aussagen des PR- und Image-Beraters Klaus Kocks. Er ist der Meinung, Ehrlichkeit sei für die Politik kein relevantes Kriterium: Politiker müssten ihre Wähler von ihren politischen Maßnahmen überzeugen. „Dass es dabei nicht um die reine Wahrheit geht, ist mittlerweile Allgemeingut“, so Kocks in dem Buch. „Es geht um fiktionale Glaubwürdigkeit … Authentizität ist eine bestimmte Art der Inszenierung, auf die wir mit der Zubilligung von Vertrauen reagieren.“

Amüsiert und gleichzeitig fasziniert hat mich als Mental-Coach die Technik der Künstlerin Oda Jaune, mit der sie die Boulevard-Berichterstattung nach dem Kokain- und Prostituiertenskandal ihres (mittlerweile verstorbenen) Ehemanns Jörg Immendorff verarbeitet hat: Sie ließ die Berichte ganz einfach offen liegen. „Ich habe die Zeitungen auf einem Tisch ausgebreitet und Seite für Seite gelesen. Und habe sie dann dort liegen lassen. Nach einer Weile haben sie mich nicht mehr interessiert.“

Der Umgang mit den Medien kann so einfach sein …

Bergmann, Jens / Pörksen, Bernhard
Medienmenschen
Deutsch, Solibro Verlag, Münster, 2007, ISBN 978-3-9329-2732-4, 19,80 €

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Über den Autor

Harald Dobmayer

Harald Dobmayer

Harald begann seine berufliche Laufbahn 1987 als freier Wort- und Bildjournalist für zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften. Anfang der Neunziger Jahre verlagerte er seinen Tätigkeitsschwerpunkt in Richtung Beratung, Coaching und Training. Er arbeitet mit Spitzensportlern, Medienpersönlichkeiten und Top-Managern und bietet unter dem Markennamen pro performance® Medien- und Auftrittstraining sowie unter dem Markennamen MENT2WIN® Mental-Coachings an.

 
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