“Wo ist Sven?” – Das TV-Experiment des Jahres?

TV-Journalist Sven Jachmann versuchte abzutauchen, trotz digitaler Spuren.

Sven Jachmann
Foto: pro performance

Sven Jachmann

Fernsehjournalist

Nach einem Studium der Angewandten Kulturwissenschaften an der Uni Lüneburg volontierte Sven Jachmann bei Radio Hamburg und machte dort bereits durch spannende Hörfunk-Reportagen auf sich aufmerksam.

Seit 2002 ist Sven Jachmann fest angestellter Redakteur bei TV-Moderator Johannes B. Kerner. Aufgrund seiner lockeren, humorvollen, aber dennoch informationsjournalistischen Art wurde er von seinen Redaktionskollegen in der Vergangenheit bereits mehrfach vor die Kamera geholt. Bisherige Krönung war im August dieses Jahres das nach ihm benannte TV-Experiment "Wo ist Sven?".


Sven, in diesem Sommer bist Du kurzzeitig zu einer Medienberühmtheit geworden. Kannst Du kurz erklären, wie es zu der Idee von „Wo ist Sven?“ kam?

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Sven Jachmann auf der Flucht

Eine Kollegin hatte davon gehört, dass ein Amerikaner das mal versucht hat: In unserer digitalen, medialen Welt unterzutauchen. Sie schlug das in der Konferenz vor und meinte auch gleich, vielleicht könnte Sven das ja machen. Und die Redaktionsleitung war der gleichen Meinung. Ein paar Tage später haben mich die beiden Redaktionsleiter gefragt: “Kannst Du dir das vorstellen?” Ich habe sofort ja gesagt.

 

 

Wie kamen die auf Dich?

Wir haben zwei Leute, die neben Johannes vor der Kamera auftauchen. Ulf Oswold – der macht eher so die witzigen, überzogenen, unterhaltsamen Sachen. Und eben mich, den Reporter. Und das passte für die Aktion “Wo ist Sven?” sehr gut. Es sollte nicht witzig sein, sondern spannend. Wie geht einer mit der Situation um, untertauchen zu müssen? Leidet er unter Verfolgungswahn? Welche Stadien durchläuft er in dieser Zeit? Und was erlebt er?

Was beinhalteten Eure Spielregeln?

Die Regeln waren einfach: Ich sollte mich nicht verkriechen. Ich sollte digitale Spuren legen. Fotos von meiner Umgebung machen, damit jeder sich an der Suche beteiligen kann. Und jeder sollte die Chance haben, mich mit den Worten “Du bist Sven!” auffliegen zu lassen. Denn wir haben Rätsel entwickelt, in welcher Stadt ich im Laufe des Tages wohl auftauchen würde.

Bei diesem Experiment wurden niemandem die Brüste vergrößert.
Trotzdem war es für uns das TV-Experiment des Jahres.

Wir wollten wissen: Kann sich jemand, der im Netz Spuren hinterlässt, drei Wochen lang unentdeckt in Deutschland bewegen?

 

Ihr habt es als “Das TV-Experiment des Jahres” propagiert. Bisschen hochgegriffen, oder?

Nein, denn das war in dieser Form noch nie dagewesen. Es gab zwar Journalisten, die sich sofort an andere Formate erinnert fühlten, aber klar ist: Es war ein TV-Experiment. Und für uns war es in der Tat das TV-Experiment des Jahres.

 

Viele haben Euch Eure hehre Mission, aufzuzeigen, ob heutzutage noch jemand untertauchen kann, nicht abgenommen. Denen kam es eher wie eine Big Brother-Mutation vor, um endlich Quote mit Eurer Sendung zu machen…

Foto: pro performance

Verkleidet als Bill Kaulitz? Die Fan-Gemeinde spekuliert.

Den Vergleich mit Big Brother habe ich in diesem Zusammenhang noch nie gehört. Aber eines ist doch klar: Quote will man immer machen. Es kommt immer drauf an, womit! Bei diesem Experiment wurden niemandem die Brüste vergrößert, ich musste nicht bei Hugh Heffner klingeln, um in seiner Lustgrotte unterzutauchen.

 

Wir wollten mit dieser Aktion und mit anderen Themen drum herum einfach nur fragen: Wie sicher ist unsere virtuelle Welt? Wie privat kann man noch sein? Und inwiefern ist es möglich, an für mich nicht bestimmte Informationen heranzukommen? Wie sicher ist das Handy? Das war unser Ansatz.

 

Auch der Branchen-Newsletter „Quotenmeter“ hat Euch die Mission nicht wirklich abgenommen und schrieb: „Auch inhaltlich eignet sich das Experiment rein gar nicht zur vorschnellen Pauschalisierung oder Vereinfachung der Datenschutzdebatte. Die digitalen Daten Jachmanns, die täglich … veröffentlicht werden …, wären außerhalb des Experiments gar nicht einzusehen.“ Also doch nur PR-Maschinerie?

Nein, keine PR-Maschinerie. Was uns allerdings immer klarer wurde: Der Spielcharakter rückte immer mehr in den Vordergrund. Wir wollten jedem die Chance geben, sich zu beteiligen. Denn was wäre passiert, wenn mich jemand tatsächlich dank seiner Hackerqualitäten gefunden hätte? So jemandem darfst Du doch nicht noch 10.000 Euro überweisen!

Deshalb haben wir gesagt: Lasst uns gewollt Spuren hinterlegen. Ein Beispiel: Ich tanke mit meiner EC-Karte in Nürnberg-Feucht. Um 11 Uhr. Eine Stunde später, so war die Regel, geht das online: „Sven hat in Nürnberg-Feucht an der und der Tankstelle getankt.“ Wir sind davon ausgegangen, ein Hacker bräuchte vielleicht eine Stunde, um an die Daten heranzukommen. Das wollten wir simulieren.

 

Bisschen sehr gekünstelt, oder…?

Foto: pro performance

“Eine unglaubliche Erfahrung…”

Ich gebe zu, das klingt etwas konstruiert. Wir waren auf einem schmalen Grad, denn wir durften natürlich niemanden zu kriminellen Handlungen animieren. Obwohl mich schon sehr interessiert hätte, ob ein Hacker mich finden würde, und wenn ja: mit welchen Mitteln? So wie in dem Film “Staatsfeind Nr. 1”. Du bist zehn Sekunden im Netz, oder schaltest nur mal Dein Handy ein, und schon: Zack! Zugriff! Geht das wirklich?

 

 

Auf jeden Fall wurdest Du über Nacht zum Medienstar, wie es ebenfalls der “Quotenmeter” schrieb. Sogar Stern, Die Welt, Bild, Spiegel und viele andere berichteten.

Ja, sogar der Figaro hat darüber geschrieben. Das hat uns total überrascht, gefreut und irgendwie auch umgehauen. Damit hatten wir nicht gerechnet. So eine große Berichterstattung kann einem schon mal Angst machen.

 

Angst wovor?

Dass Dich die Medien fertig machen wollen. Dass sie das alles mal wieder doof und konstruiert finden und Dich dann ganz alt aussehen lassen. Dass Dinge über Dich verbreitet werden, die einfach nicht stimmen. Aber das war zum Glück überhaupt nicht so.

 

Wann und wie hast Du begonnen, Dein Untertauchen zu planen?

Foto: pro performance

Eine Nation auf der Jagd

Ich wusste ein paar Tage vorher, wo die Reise beginnt, wo ich mir den Mietwagen nehme und wo ich als erstes übernachten werde. Es war uns allen sehr wichtig, die ersten drei Tage erst einmal ohne nennenswerte Zwischenfälle zu überstehen. Einen Plan zu haben, den man erst mal verfolgen kann.

 

Wer auf der Flucht ist und keinen Plan hat, der wird nicht weit kommen. Ich hatte mir in den Tagen vor der Abreise neben anderen Klamotten auch Perücken besorgt. Ein Handy, eine Prepaid-Karte. Als wir dann mitten drin waren, lief die Planung von Tag zu Tag. Das war also relativ spontan. Die Route war total offen. Ich konnte mir aussuchen: Willst Du morgen nach Bielefeld oder Eisenach?

 

Du hast in Euren Trailern absichtlich großspurig behauptet „Ihr kriegt mich niemals“. Dadurch hast Du Dir natürlich einen ungeheuren Erfolgsdruck aufgebürdet. Du musst ja permanent unter Strom gestanden haben aus Angst, irgendwo von irgendwem entdeckt zu werden…

Ja, ich hatte eine Heidenangst. Schon am Ortseingang standen zwei dunkle Fahrzeuge. Ich dachte, die warten da schon auf mich und sprechen jeden an, der blonde Haare hat. Das waren wirklich meine Gedanken! “Ihr kriegt mich niemals”, dazu haben wir uns bewusst entschieden. Drama, Baby, Drama!

 

Und dann war da noch das “Kopfgeld” in Höhe von zehntausend Euro. Es gab schon Leute, die haben für deutlich weniger gemordet…

In der Tat hatte ich da kurz mal dran gedacht. Wir hatten aber sehr schnell deutlich gemacht, dass ich das Geld nicht bei mir habe. Ich war dann abends hin und wieder im Netz. Die Verfolger sind dort unglaublich sympathisch mit mir umgegangen: “Komm doch mal nach Nürnberg!”, “Hey, kommst Du auch nach Köln?” Mit einigen habe ich auch gechattet. Da war mir dann schnell klar: Die haben Spaß.

 

Ja, 999.999 von einer Million vielleicht. Aber hinter einer derart anonymen Masse wie einer Fernsehzuschauerschaft können sich merkwürdige Individuen verstecken…

Foto: pro performance

Unzählige digitale Spuren…

Ja klar, ausschließen kannst Du da nichts, aber ich war ja meistens auch gut verkleidet.

 

Wir haben übrigens auch bewusst von Preisgeld und nicht von Kopfgeld gesprochen. Auch Wörter wie “Jagd” oder “Menschenjagd” haben wir bewusst vermieden.

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