Neulich in Cannes: Die Sache mit der Ironie
Performance-Tipp Nr. 8
Schauspielerin Kirsten Dunst wusste kaum, wo sie hinschauen sollte, als Lars von Trier, Regisseur und Enfant Terrible der internationalen Filmszene, auf der Pressekonferenz bei den Filmfestspielen in Cannes vergangene Woche zu seinem finalen Schlag ansetzte: “Okay, ich bin ein Nazi”, sprach von Trier in die Mikrofone und Kameras der Journalisten. Später entschuldigte sich der Däne mit den Worten: “Ich fühle ständig diese schreckliche Verpflichtung in mir, die Leute unterhalten zu müssen. Stattdessen sollte ich lieber das Maul halten.” Doch diese Einsicht kam zu spät: Lars von Trier wurde von den Filmfestspielen ausgeschlossen.
Auch Brad Pitt versuchte es in Cannes mit Provokation: Auf die Frage, inwiefern sich seine Erziehungsmethoden von denen des autoritären Vaters unterschieden, den er in seinem in Cannes vorgestellten Film “The Tree of Life” spiele, antwortete der Hollywood-Beau: “Ich schlage meine Kinder regelmäßig, und es scheint zu wirken. Ich gebe ihnen auch nichts zu essen.”
Zwei medienerfahrene Unterhaltungsprofis versuchen sich vor den Medien an der scharfen Schneide der Ironie. Warum sie das tun? Weil sie auffallen möchten. Weil sie verhindern möchten, dass ihre Pressekonferenzen, zwei von Dutzenden in diesen Festival-Tagen, nach wenigen Minuten ebenso in Vergessenheit geraten wie all die anderen zuvor und danach. Und vor allem: Weil eine Berichterstattung über solche Aussagen letztendlich auch ihren Filmen, um die es in den Pressekonferenz ja eigentlich gehen sollte, größere Aufmerksamkeit verschafft.
Doch warum ist Lars von Trier bei den Festspielen nun eine Persona non grata, während Brad Pitt weiterhin in die Kameras lächeln darf, ohne dahinter aufgebrachte Kinderschutzorganisationen Plakate schwenken zu sehen?
“Ironie” leitet sich aus dem Altgriechischen εἰρωνεία ab, was soviel wie “Täuschung” bedeutet. Wir verstehen darunter eine rhetorische Figur, bei der der Redner etwas anderes sagt, als er eigentlich meint, häufig sogar das Gegenteil. Allerdings geht er davon aus, dass sein Publikum dieses Spiel versteht und seine wahre Absicht dahinter erkennt.

Gut gegangen: Brad Pitt
Brad Pitt ist diese riskante Gratwanderung gelungen: Niemand glaubt, dass der Vater dreier Adoptivkinder aus Dritte-Welt-Ländern seinem Nachwuchs Böses wollen könnte. Vielleicht wollte er den anwesenden Pressevertretern wirklich nur ein sende- und zitierfähiges Soundbite liefern, um ihnen die Berichterstattung über die Pressekonferenz zu erleichtern. Vielleicht war ihm auch einfach nur die sehr private Frage zu dumm.
Gleiches “blindes Verständnis” könnte auch von Trier von sich in Anspruch nehmen, und wahrscheinlich ist er davon auch ausgegangen, als er zu seinen Provokationen ansetzte: Der Däne ist mit einer Jüdin verheiratet, seine zwei Kinder werden jüdisch erzogen, zu Hause finanziert er Zeitungsanzeigen gegen rechtsradikale Parteien. Dennoch wurde von Trier für seine Statements verdammt. Wahrscheinlich, weil das Thema ganz einfach zu heikel ist. Vielleicht zum Teil auch, weil die anwesenden Journalisten bei von Trier in Teilaspekten doch auch ein wenig wahre Meinung herauszuhören glaubten, wenn er über Israel (“a pain in the ass”) wetterte.
Ich erinnere mich an ein Medientraining für ein großes internationales IT-Unternehmen. Im Rahmen eines Übungsinterviews fragte ich den Marketing-Chef nach den langfristigen Zielen seiner Firma. “Microsoft zu übernehmen”, war seine durchaus prägnante Antwort. Für mich war die Ironie deutlich herauszuhören, aber bei unserem nächsten Treffen erzählte mir der Manager, wie oft er auf diese Aussage, die über andere Trainingsteilnehmer den Weg aus dem TV-Studio gefunden haben muss, in den folgenden Wochen angesprochen worden sei. “So was kannst Du nicht bringen, das stimmt doch gar nicht”, sei der Tenor dieses Feedbacks gewesen.
Ironie ist wie Roulette:
Wenn’s gut geht: Super.
Wenn’s daneben geht: Katastrophe!
Festzuhalten bleibt: Ironie ist eine feine Sache. Sie provoziert, polarisiert und sorgt für Aufmerksamkeit. Aber die äußerst scharfe Klinge der Ironie ist zweischneidig. Und oft genug sind die Folgen des Ironie-Einsatzes kaum vorherzusehen. Bei öffentlichen Auftritten sollten Sie sich ihre Nutzung lieber zweimal überlegen.
Dies gilt umso mehr für Medienauftritte, bei denen das letztendliche Zielpublikum ja nicht einmal persönlich anwesend ist, seine Reaktion also nicht nicht beobachtet werden und deshalb die eigene Aussage nicht notfalls noch kurzfristig korrigiert oder abgemildert werden kann. Wenn möglich, proben Sie die Wirkung vorab an einem kritischen Testpublikum. Doch selbst das ist keine Garantie für’s Gelingen.
Und um ganz sicher zu gehen, dass Sie doch richtig verstanden werden, können Sie am Ende der Aussage die Ironie auch ganz explizit auflösen. Das raubt ihr vielleicht ein wenig ihres sarkastischen Charakters, bewahrt Sie jedoch vor üblen Folgen. Auch Lars von Trier hatte das zu Beginn der Pressekonferenz in Cannes so gehandhabt. “Das war ein Scherz”, schob er einer provokanten Bemerkung da noch hinterher. Später vergaß er derlei Klarstellungen dann leider.

Zum Thema Ironie und wie rüberbringen fällt mir spontan der Doppelpass bei Sport 1 und die Rubrik “Schwarz auf Weiß” ein. In dieser Rubrik wird der aktuelle Zustand eines Bundesligisten mit sehr ironischen Worten dargestellt. Diese Rubrik wird vom Moderator Jörg Wontorra stets mit den Worten eingeleitet: “Aber Achtung, das ist alles nur Satire.”
Grund dieser Anmoderation könnte sein, dass sonst die Ironie nicht rüberkommt. Meines Wissens gab es diese Ankündigung mit dem deutlichen Hinweis, “Achtung, das folgende ist nur Satire”, auch zunächst nicht. Es könnte also sein, dass weder Zuschauer, noch die betroffenen Vereine die Ironie erfasst haben und es Beschwerden gab.