Rory McIlroy siegte schon vor der ersten Runde
Rory McIlroy gewinnt die US Open 2011. Dass der 22-jährige Ire das Turnier als jüngster Spieler seit 88 Jahren gewinnt, ist eine bemerkenswerte Randnotiz. Dass er dies mit einem bislang noch nie dagewesenen Endergebnis von 16 Schlägen unter Par schafft (Tiger Woods gewann 2001 mit 12 Schlägen unter Par), eine weitere. Aus mentaler Sicht finde ich einen anderen Aspekt jedoch sehr viel wertvoller: Rory McIlroy legte den Grundstein zu seinem grandiosen US Open-Sieg bereits vor Monaten. Mit einer schmerzlichen Niederlage.
Es ist der 10. April 2011, US-Masters in Augusta, Georgia. Rory McIlroy geht mit einem Vorsprung von vier Schlägen vor dem Australier Jason Day auf die Finalrunde. Die ersten neun Löcher laufen noch einigermaßen – er beendet sie mit 37 Schlägen einen Schlag über Par und geht immer noch mit einem Schlag Vorsprung auf das 10. Tee.
Doch was dann folgte, war ein Desaster, wie es die Golfwelt noch nicht allzu oft erlebt hat: Triple-Bogey an der 10, Bogey an der 11, Doppel-Bogey an der 12, Bogey an der 15. Rory McIlroy, der noch wenige Stunden zuvor bereits als zweitjüngster Gewinner der US-Masters gehandelt worden war, landete letztendlich auf einem geteilten 15. Platz.
Hohe Vorsprünge bei Major-Turnieren noch zu verspielen, darin hatte der Ire bereits Erfahrung: 2010 eliminierte er bei den British Open nach eine 63er-Startrunde seinen Vorsprung ebenfalls mit einer 80 auf der zweiten Runde. So etwas setzt sich in der Regel im Kopf fest, kann negative Glaubenssätze bilden, Mini-Traumata erzeugen. Oft bedeuten solche Erfahrungen den Anfang vom Ende aussichtsreicher Karrieren, weil negative Glaubenssätze, Selbstmitleid und das Hadern mit dem Schicksal fortan die Kopfarbeit dominieren. Nicht so bei Rory McIlroy.
It’s not about how many times
you get knocked down,
it’s how many times you get back up!
Es war eine Menge Pech dabei, als McIlroys Ball abseits der 10. Spielbahn zwischen anliegenden Villen landete, und 99 von 100 Golfern hätten im Anschluss an die Runde sicherlich das große “Hätte… wäre… wenn…” ausgepackt. Der 100. aber war Rory McIlroy: “Das war ein charakterbildender Tag”, so kommentierte er die Finalrunde. Auf diese Weise veränderte er seine Sichtweise auf das Debakel, zog einen positiven Nutzen daraus. Wir Mental-Coaches nennen dies Reframing: Ein Geschehnis wird in einen neuen, positiven Deutungsrahmen gestellt. “You have to lose before you can win. This day will make me stronger in the end”, twitterte Rory McIlroy kurz nach der Niederlage. Es war dies der erste Schritt zum US Open-Sieg exakt zehn Wochen später.
Der zweite Schritt in Richtung Major-Sieg bestand darin, das Erlebte zu relativieren. Als sein Manager sich in den Tagen nach Augusta nach Rory’s Befinden erkundigte, zeigte der sich eher erstaunt über den Wirbel, den seine Finalrunde erzeugt hatte: “Hey, es ist niemand gestorben! Niemand wurde auch nur verletzt! Ich habe schlicht und einfach ein Golfturnier verloren”, soll McIlroy gesagt haben.
Rory’s Schritte zum Champion:
1. Den positiven Nutzen suchen!
2. Die Kirche im Dorf lassen!
3. Schnell wieder ins Cockpit steigen!
Ich empfehle meinen Klienten nach großen Enttäuschungen manchmal, sich das Erlebte einmal aus 10.000 Meter Höhe vorzustellen. “Und dann würde, was uns groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein”, texte Reinhard Mey in seinem Hit “Über den Wolken”, und genau so ist es. Nichts anderes tat Rory McIlroy: Er befreite sich aus der Umklammerung einer im wahrsten Sinne des Wortes engstirnigen Sichtweise auf das Geschehene und fühlte daher keine tonnenschwere Last mehr.
Der dritte Schritt war eine Maßnahme, wie sie auch Formel 1-Fahrern nach schlimmen Crashes oft empfohlen wird: “Steig möglichst schnell wieder ins Cockpit!” Rory McIlroy stand bereits vier Tage später in Malaysia wieder am Abschlag, spielte dort in der zweiten Runde eine 64 und beendete das Turnier auf dem dritten Platz. Mit diesem Turnierstart ließ er seinem Kopf gar keine Chance, das Masters-Desaster als Mini-Trauma abzuspeichern. Stattdessen füllte er ihn gleich wieder mit positiven Erfahrungen. Und selbst, wenn das Turnier in Asien nicht so exzellent gelaufen wäre, so hätte es McIlroy doch trotzdem von der Vorwoche abgelenkt. “Time to play some golf”, twitterte Rory vor der ersten Runde in Malaysia, “It’s not about how many times u get knocked down, it’s how many times u get back up!”
Ein Golfturnier dauert vier Tage? Nein, die US Open 2011 dauerten für den Sieger Rory McIlroy exakt 70 Tage. Doch dafür hat er auch weit mehr gewonnen als “nur” einen Major-Titel: Unter Umständen waren diese 10 Wochen Kampf auch eine Qualifikationsrunde für viele weitere große Turniersiege.

Dieser Sieg von Rory McIlroy bricht nicht nur alle Rekorde, sondern zeigt ganz deutlich seine Einstellung zu seinem Spiel. Er hat eine Langzeit-Vision seiner Golfkarriere und somit ist für ihn eine Niederlage lediglich ein weiterer Schritt, in dem er neue Erfahrungen gesammelt hat. Er geht nicht nur positiv mit seinem Mastersdebakel um, sondern er steht auch für alle Interviews bereit und versucht auch nicht, Entschuldigungen für seinen Score zu suchen. Rory McIlroy weiß, dass er ein genialer Golfer ist und dass er über kurz oder lang den Golfthron erklimmen wird. Dieses Selbstbewusstsein ist stärker als das Ergebnis eines Turniers. Wir lernen aus Fehlern und eine erfolgreiche Golfkarriere ist nicht das Resultat von nahtlos aneinander gereihten Erfolgserlebnissen, sondern vielmehr das Ergebnis mancher bitterer Erfahrung. Das Weitermachen ist eine Frage der Ausdauer und der Geduld. Stimmt die Perspektive, mit der man ein Turnier beobachtet und resümiert, dann ist es lediglich ein weiterer Baustein unseres Plans.
Auf dem Weg in den Urlaub kehren wir ja auch nicht beim 1. Stau um, sondern fahren weiter, denn schließlich wollen wir an unserem Ziel ankommen!
Der Vergleich mit dem Urlaubsstau gefällt mir! Sehr passend, metaphorisch und saisonal