Skyliners scheitern am “Heimnachteil”
Performance-Tipp Nr. 9: Der richtige Umgang mit Druck

Ein Heimspiel ist nicht unbedingt ein Vorteil.
5000 Fans in der Frankfurter Ballsporthalle konnten es kaum glauben: Kann es wirklich sein, dass eines der besten Basketball-Teams Deutschlands alle drei Heimspiele im Bundesliga-Halbfinal-Playoff verliert?! Es kann. Die Frankfurter Skyliners sind – das ist zumindest meine Sicht als Mentaltrainer – an ihren eigenen Erwartungen und dem entstandenen Erfolgsdruck gescheitert.
Und damit stehen sie alles andere als alleine da. Ein Beispiel aus meiner Coaching-Praxis: Ein Klient hatte im vergangenen Jahr mit dem Golfspiel angefangen. Völlig erwartungslos ging er in sein erstes Turnier und verbesserte sein Handicap gleich von 54,0 auf 34,5. Danach wollte er es wissen: Er investierte viel Zeit und Geld in sein Golftraining, denn: Bis Ende des Jahres unter 30 müsste doch machbar sein! War es nicht – er scheiterte an seinen Erwartungen und verschlechterte sich in den Folgemonaten auf 35,6.
Was genau nun bei den Frankfurt Skyliners den Ausschlag für die 68:87-Niederlage gegeben hat, ist von außen nur schwer zu analysieren. Vielleicht waren die Jungs vor heimischem Publikum übermotiviert, vielleicht war es auch die Angst vor der Blamage (alle drei Heimspiele zu verlieren, das gab es vorher noch nie in der BBL-Playoff-Geschichte).
Oder der Erwartungsdruck von außen, von den Fans, die ihr Team schon vor Spielbeginn enthusiastisch und voller Siegesgewissheit feierten? Erwartungen können uns durchaus nach vorne pushen. Sie werden jedoch dann zum mentalen Problem, wenn sie ein Müssen implizieren. Ein Muss zieht immer auch ein “Denn sonst” nach sich, und das sind dann in aller Regel negative Konsequenzen.
Erwartungen können uns motivieren,
aber auch paralysieren!
Vielleicht waren die investierten Mühen auch einfach zuviel des Guten, denn zwei Heimniederlagen durch Auswärtssiege wettzumachen, zehrt an den physischen Reserven ebenso wie an den mentalen.
Erwartungsdruck setzt sich im Grunde genommen aus Anteilen dreier Kategorien zusammen:
- Kategorie 1: Positive Konsequenzen, die uns erwarten, wenn wir unser Ziel erreichen (Respekt, Prämien, Stolz)
- Kategorie 2: Negative Konsequenzen, die uns erwarten, wenn wir unser Ziel nicht erreichen (Blamage, finanzielle Schieflagen, Scham).
- Kategorie 3: Von uns getätigte Investitionen, um unser Ziel zu erreichen (Zeit, Geld, Mühe). Wer investiert, erwartet über kurz oder lang einen Return on Investment.
Aus mentaler Sicht sollten Sie versuchen, den ersten Faktor (positive Konsequenzen) in den Vordergrund zu rücken und die anderen beiden gedanklich klein zu halten. Warum? Weil der Gedanke an negative Konsequenzen und Fehlinvestitionen (und die damit möglicherweise wiederum verbundenen negativen Konsequenzen) häufig einen derart hohen Druck aufbaut, dass wir ihm schon sehr bald nichts mehr entgegenzusetzen haben. Gedanken an positive Konsequenzen lassen sich erfahrungsgemäß einfach viel besser portionieren und einsetzen.
Druck ist immer dann positiv, wenn wir ihm Performance entgegenzusetzen haben. Dieser Druckausgleich ist unsere Motivation. Performance bezeichnet dabei ein Konstrukt aus physischen, psychischen und “handwerklichen” Fähigkeiten: Fitness, Kraft, Leistungswillen, Selbstvertrauen, Konzentration, Technik usw.
Schauen wir uns drei Szenarien anhand des Schaubilds rechts einmal näher an: In Szenario A herrscht ein geringer Druck. Wir kompensieren ihn ohne große Anstrengungen, bleiben damit jedoch auch hinter unseren Möglichkeiten (siehe Leistungsgrenze) zurück. Hier könnten wir den Druck durch Anteile aus Kategorie 1 erhöhen, um ausreichend Motivation für eine Leistungssteigerung zu generieren.
In Szenario B ist der aufgebaute Druck schon deutlich höher. Wir können ihn zwar noch mit großer Mühe kompensieren, arbeiten jedoch an unserer Leistungsgrenze. Dementsprechend befinden wir uns hinsichtlich des aufgebauten Drucks auch an der Grenze zwischen positivem und negativem Druck (Belastungsgrenze): Druck ist definitionsgemäß solange positiv, wie wir ihn aus uns selbst heraus durch entsprechende Anstrengungen positiv in Leistung umsetzen können.
Für eine gewisse Zeit wäre dies in der Theorie das optimale Szenario. Beachten Sie jedoch, dass wir nur sehr begrenzte Zeit an unserer Leistungsgrenze bleiben können. Sobald unsere Energie nachlässt, unsere Leistungsgrenze also sinkt, sinkt auch unsere Belastungsgrenze, und der gleiche Druck kann nun auf einmal negativ sein (Szenario B2). Aus diesem Grund sollten wir den Druck besser unterhalb der Belastungsgrenze halten, um möglichst lange sehr gute Leistungen zu ermöglichen.
Kontinuierlicher Druck an der Belastungsgrenze
führt auf Dauer zu einem Leistungsabfall.
In Szenario C wiederum liegt der Druck von Anfang an über der Belastungsgrenze. Das heißt, der (negative) Druck ist derart groß, dass wir ihn mit unserem derzeitigen Leistungsvermögen nicht kompensieren können. Kurzfristig gilt es hier nun, Druck abzubauen. Erfahrungsgemäß beinhaltet negativer Druck ein hohes Maß an Kategorie 2-Anteilen. Diese sollten daher durch positive Gedanken (Kategorie 1) aus unserem Bewusstsein geschoben werden.
Mittel- bis langfristig können wir natürlich unsere Leistungsgrenze steigern und damit auch unsere Belastungsgrenze anheben, etwa durch Ausdauer-, Technik- und Mentaltraining. Mentaltraining versetzt uns zudem in die Lage, akuten Überdruck ad hoc abzubauen und somit negativen Druck wieder in positiven Druck umzuformen.
