“Unfaire Fragen? Kenne ich nicht.”
Wirtschaftsjournalist Mario Müller-Dofel über PR-Phrasen sowie ängstliche, verärgerte und perfekte Interviewpartner.
Mario Müller-Dofel
Wirtschaftsjournalist und Interview-Experte
Mario Müller-Dofel hat einen für einen Journalisten recht ungewöhnlichen Berufsweg hinter sich: Aufgewachsen in der DDR-Plattenbaustadt Hoyerswerda, begann er 1988 mit einer Ausbildung zum Maschinen- und Anlagenmonteur im Braunkohlekraftwerk "Schwarze Pumpe". Nach drei Jahren Tätigkeit als Schweißer und Rohrleitungsmonteur folgten 1994 bis 1996 eine Industriekaufmannslehre und anschließend einige Jahre im Immobilien- und Finanzvertrieb.
Im Jahr 2000 wurde Müller-Dofel erstmals journalistisch aktiv. Nach Redakteurstätigkeiten bei mehreren Wirtschaftspublikationen besuchte er 2003 und 2004 die Georg-von-Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten und heuerte 2005 als Redakteur beim Wirtschaftsmagazin €uro an, dessen stellvertretender Chefredakteur er mittlerweile ist.
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Herr Müller-Dofel, müssen Manager vor Interviews Angst haben?
Angst? Das klingt dramatisch. Aber ja, manchmal sind Interviews dramatisch – oder stellen sich im Nachhinein als dramatisch heraus. Denken Sie an das „Peanuts“-Interview des früheren Deutsche-Bank-Chefs Hilmar Kopper aus dem Jahr 1994. Natürlich nehmen Journalisten solche Worte gern auf, weil sie mit ihren Interviews etwas erreichen wollen. Und mit Koppers Peanuts-Spruch haben sie damals ja einen dramatischen Imageschaden für Deutschlands größtes Geldhaus ausgelöst. Deshalb ist eine gewisse Angst auf Seiten der Manager wohl auch berechtigt.
Bei richtigen Ausrutschern verweigern die Pressestellen oft einfach die Autorisierung…
Das ist in Deutschland oft der Fall. Für viele scheint es oft schon ein Erfolg zu sein, wenn sie klare Aussagen vermeiden konnten. Aber die Leser merken das. Das Feedback lautet dann oft in etwa so: „Dieser Interviewpartner hat aber ganz schön rumgeeiert.“
Haben Sie ein Beispiel für eine solche „Rumeierei“?

Mario Müller-Dofel (re.), Harald Dobmayer
Ich habe mal ein Interview im Hessischen Rundfunk gehört, in dem ein Journalist die Wiesbadener SPD-Bundestagsabgeordnete Heidemarie Wieczorek-Zeul, die damals Bundesentwicklungshilfeministerin war, nach einer SPD-Wahlschlappe befragt hat. Sie wollte partout nicht auf die Frage antworten, sondern hat einfach irgendwas erzählt. Der Journalist hat geschlagene sechs Mal dieselbe Frage gestellt, vier Mal davon mit dem Hinweis, dass Frau Wiczorek-Zeul nicht auf seine Frage geantwortet habe. Da ist sie stinksauer geworden. Den Hörern dürfte jedoch klar geworden sein, dass die Ministerin nur ausweichen wollte.
Interviews sind also keine Kooperationen, sondern vielmehr Katz-und-Maus-Spiel?
Sie sind beides. Ein Journalist versucht, aus seinen Interviews so viel wie möglich herauszuholen. Ich habe im Gespräch oft viele gute Aussagen, die ich nachher in der Autorisierung wieder rausgestrichen bekomme. Mein Ziel ist dann, dass mir der Gesprächspartner mir nicht alles knackigen Aussagen wieder streicht und dass er mir diese Sätze überhaupt sagt. Denn selbst wenn ich sie nicht veröffentlichen darf, behalte ich sie im Kopf.
Erleben Sie auch rühmliche Ausnahmen?
Beispielsweise hat der Vorstandschef des Solaranlagenherstellers Solarworld, Frank Asbeck, in einem 12.000 Zeichen langen Interviewtext nur ein paar Wörter geändert, was mich nicht störte. Oder Sahra Wagenknecht, die provokante Linken-Politikerin: Sie hat den Interviewtext sogar verschärft, obwohl er schon in meiner Version deftig war. Da bin ich als Journalist natürlich froh, auch wenn ich weiß, dass ein Interviewpartner Textänderungen immer aus Eigeninteresse vornimmt.
Was wünschen Sie sich von einem Interviewpartner?
Vor allem auf die Frage fokussierte Sätze mit Substanz, also den weitgehenden Verzicht auf PR-Phrasen. Auch wenn es meinen Interviewpartnern vor allem aus der Wirtschaft meist schwer fällt: Wenn sie wollen, dass ihre Antworten gelesen werden, sollten sie mitunter plakativ sein und nicht immer die Welt erklären wollen.
Es bringt nichts, auswendig gelernte PR-Botschaften
-zigmal pro Interview zu wiederholen.
Und ich möchte, dass auch der prominenteste Vorstandschef sich mal als Mensch zeigt und nicht nur als Experte. Der soll mal ein bisschen aus sich rauskommen. Dann kommt Atmosphäre rein, und es geht nicht mehr nur stur um Fakten, Fakten, Fakten.
Aber die Fakten müssen dennoch stimmen…
Ich wünsche mir, dass sie stimmen. Aber ich erwarte das nicht grundsätzlich. Manager und Politiker sagen oft nur die halbe Wahrheit – manchmal auch die Unwahrheit.
Wie sollten sich Manager auf Interviews vorbereiten?
Diese Frage zu beantworten, ist Ihr Job als Medientrainer. Sie tun Journalisten aber einen Gefallen, wenn Sie Ihren Klienten sagen, dass es nichts bringt, auswendig gelernte PR-Botschaften -zigmal pro Interview zu wiederholen.
Können Sie nicht verstehen, wenn Ihre Interviewpartner ständig nach Gelegenheiten suchen, PR-Botschaften zu platzieren?

Doch, aber den Interviewer kostet zu viel PR wichtige Gesprächszeit, die er lieber für andere Antworten hätte. Übrigens sind solche Wiederholungen für mich beim Abschreiben oft noch nervender als im Gespräch selbst. Schon wenn ich zum fünften Mal denselben Satz abschreibe, frage ich mich: Soll ich ihn ganz rausschmeißen, wo der Interviewpartner so ideenlos versucht hat, ihn mir unterzujubeln?
Wäre es besser, dem Journalisten am Anfang oder am Ende des Gesprächs direkt zu sagen, was einem selbst als Botschaften wichtig ist?
Wenn er das sympathisch macht, sicher. Beim Interview spielt sich viel auf der zwischenmenschlichen Ebene ab. Davon kann auch ich mich nicht ganz frei machen, obwohl ich mir darüber im Klaren bin. Das heißt, wenn mir ein Interviewpartner sympathisch ist, steigen seine Chancen, dass er seine Anliegen besser durchsetzt.
Im Medientraining muss ich meinen Klienten häufig erklären, dass 15 Botschaften für ein Interview ungefähr ein Dutzend zuviel sind. Deren Einwand: „Wir haben aber nun einmal so viel mitzuteilen!“
Bei dieser Art Mitteilungen, wenn es zu viel wird, sollten sie besser Anzeigen schalten oder Image-Broschüren verschicken.
Ein cleverer Interviewpartner hat immer
Headline-taugliche Sprüche bereit.
Wie wichtig ist es Ihnen, dass Ihr Gesprächspartner Ihnen Soundbites, also Headline-fähige Zitate liefert?
Ich habe nichts gegen gute Sprüche. Soll er mir ruhig alle, die er so drauf hat, mitgeben. Manchmal sind sie konfrontativ, machen neugierig. Ich möchte ja, dass die Leser aufmerksam werden. Ein cleverer Interviewpartner hat immer Headline-taugliche Sprüche bereit. Manche Interviewpartner sprechen dann viel in Bildern, und diese Sprachbilder werden auch gern gedruckt, weil das Publikum sie begreift.
Haben Sie ein Beispiel für so eine Headline parat?
Hans-Joachim Watzke, der Chef des Fußballunternehmens Borussia Dortmund, sagte mir zum Beispiel: „Die Deutsche Fußball Liga ist ein Kartell der sozialen Gerechtigkeit“. Wunderbar! Oder der Musikmanager Hans R. Beierlein, der von einer Kollegin für €uro interviewt wurde: „Die Arschlöcher vermehren sich wie die Kaninchen“. Wenn das kein Bild ist!
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Ärgert es Sie, wenn Ihre Gesprächspartner nicht wirklich etwas zu erzählen haben?
Einerseits ärgert es mich. Andererseits sollte ich mich nicht darüber ärgern: Dann trotzdem was rauszuholen, ist ja nun mal meine Aufgabe.
Was können Sie in Interviews überhaupt nicht ausstehen?
Sie meinen, zusätzlich zur ständigen Wiederholung der immer gleichen PR-Botschaften? Phrasen wie: „Wir konzentrieren uns nur auf unser Geschäft. Was die Konkurrenz macht, interessiert uns nicht.“ Manager sollten das lassen, wenn sie den Journalisten nicht für dumm verkaufen wollen. Ich kann ja verstehen, wenn ein Vorstandschef sich nicht über die Konkurrenz äußern will. Aber dann kann er es auch einfach sagen.
Können Sie also gut damit leben, wenn Ihnen jemand sagt, dass er nichts sagt?
Ja. Es ist doch schlimmer, wenn jemand zu einem Thema nichts sagen kann, will oder darf – und ewig drum herum redet. Das kostet den Interviewer wertvolle Zeit und den Interviewten Glaubwürdigkeit.