Ein Mensch wie Du und “man”
Interview-Analyse aus Sicht eines Medientrainers

Harald Dobmayer bei der Video-Analyse
Zumindest mit seinem Interview zu den ihm gegenüber erhobenen Vorwürfen im Dezember und Januar schreibt Bundespräsident Christian Wulff zu Jahresanfang Republik-Geschichte: Nie zuvor musste sich ein Bundespräsident in einem derart exponierten Rahmen vor der breiten Öffentlichkeit zu privaten Angelegenheiten erklären.
Wer einen solch diffizilen Schritt geht, erwartet sich viel davon. Christian Wulff hatte sich sicherlich erhofft, die wochenlang schwelende Affäre nun endgültig zu beenden. Bei der Beantwortung der Frage, warum es letztendlich doch nicht dazu kam, hilft möglicherweise eine Analyse des Interviews aus Sicht eines Medientrainers.
Die ersten beiden Statements wirken einstudiert, wie eine Pressemitteilung formuliert. Wulff weiß: Das Publikum erwartet ein Fehlereingeständnis – nur dann kann er anschließend erwarten, verlorene Sympathien zurückzugewinnen. Dieses Eingeständnis platziert er daher gleich am Anfang des Interviews, um anschließend noch genügend Zeit für das Sammeln von Sympathie-Punkten zu haben: „Ich weiß, dass ich nichts Unrechtes getan habe, aber nicht alles richtig war, was ich getan habe.“ Ein wohl überlegtes und klug gewähltes Soundbite, das einerseits den politischen Gegnern keine neue Angriffsfläche eröffnet, andererseits aber das erwartete Eingeständnis beinhaltet.
Wäre da nur nicht die zur wünschenswerten Authentizität inkongruente Mimik (Stirnrunzeln, kein beständiger Augenkontakt zu den Gesprächspartnern oder gar zur eigentlichen Zielgruppe: dem Publikum, ergo: zur Kamera).
Der Eindruck der fehlenden Authentizität bei der Einräumung von Fehlern verfestigt sich im Laufe des Gesprächs insofern, als Wulff in diesen Situationen durch die Nutzung des Pronomens „man“ sehr oft auf Distanz zu sich selbst geht: „Man muss eben als Bundespräsident die Dinge so im Griff haben, dass einem das eben nicht passiert. Und trotzdem ist man Mensch und man macht Fehler.“

Sogenannte Word-Cloud der wichtigsten Schlüsselbegriffe
Spricht Christian Wulff hingegen positiv von sich und seinen Verdiensten, fällt ihm das „Ich“ gleich im Anschluss wieder sehr leicht: „Durch diese Art von Umgang mit den Dingen hat man dem Amt sicher nicht gedient. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass ich durch eine ganze Reihe von Aktivitäten … das Amt des Bundespräsidenten wieder gestärkt habe…“.
Seine Argumentationen in der Sache sind eher schlicht gehalten und enttäuschen diejenigen, die aufrichtige Reue erwartet haben:
- Verletzung der Pressefreiheit: Fehler gemacht, Fehler aber auch gleich zugegeben, Entschuldigung wurde auch akzeptiert. Wenn „privateste Dinge“ (interessanter, inhaltlich im Grunde unsinniger Superlativ) aus dem „privatesten Bereich“ öffentlich gemacht werden, darf man um eine Verschiebung bitten, um ein direktes Gespräch zu ermöglichen.
- Salami-Taktik bei inhaltlichen Erklärungen: Wenn die Fragen scheibchenweise kommen, kann man auch nur scheibchenweise antworten.
- Ferienaufenthalte bei Unternehmern: Auch ein Bundespräsident darf Freunde haben. Und bei Freunden darf man unentgeltlich übernachten.
- Kreditannahme von Ehepaar Gerkens: Auch ein Bundespräsident darf Freunde haben. Und bei Freunden darf man sich Geld leihen.
Mit der „Auch ein Bundespräsident ist nur ein Mensch, der Freunde haben darf“-Taktik kann Wulff dann auch durch einen Schnellschuss der (auf mich übermotiviert wirkenden) Journalistin Bettina Schausten punkten: Als diese ihm vorwirft, er hätte doch seinen Freunden 150 Euro pro Übernachtung geben können, kontert Christian Wulff geschickt mit einer (eigentlich rhetorischen) Gegenfrage: „Machen Sie das bei Ihren Freunden so?“ Schaustens bejahende Antwort sichert Wulff endgültig den Punktgewinn, denn jeder im Publikum weiß: Dass dem wirklich so ist, ist eher unwahrscheinlich.
So plätschert das Interview vor sich hin, bis es am Ende (dem bekanntlich in Vorträgen, Diskussionen und eben auch Interviews stets ein besonderer Stellenwert zukommt) noch einmal richtig spannend wird:
Nach neunzehneinhalb Minuten wähnt sich Wulff wohl schon am Ende des (wahrscheinlich auf 20 Minuten angesetzten) Interviews und setzt mit perfektem Timing zum Abschluss-Statement an – sinngemäß: Die Zeiten werden hart, und das Land braucht dann einen Bundespräsidenten, der sich der schwierigen Aufgaben auch annehmen kann. Daher lasst mich endlich wieder normal arbeiten.
Dumm nur, dass Frau Schausten noch lange nicht ans Aufhören denkt, sondern gerne noch wissen möchte, ob erstens „noch etwas anderes nachkommt in der Affäre“ und zweitens Christian Wulff vorerst „ein Bundespräsident auf Bewährung“ bleibt.

Christian Wulff auf allen Kanälen
Dieses negative Keyword der Bewährung ärgert Wulff sehr, er findet diesen Begriff „völlig daneben“. Noch einmal wiederholt er seine formal wichtige Kernbotschaft, dass alle seine Handlungen rechtens waren. Der Bewährung setzt er positive Stichworte entgegen: „…sondern es geht um die Frage von Transparenz, von Darlegung, von Erklärung.“
Und noch einmal macht er den Bogen hin zu einem ihm genehmen Abschluss-Statement: Er laufe nicht weg, er stelle sich den Aufgaben. Und er festigt diese Aussage durch ein Zitat von Harry S. Truman als abschließendes Soundbite: „Wem es in der Küche zu heiß ist, der darf nicht Koch werden wollen.“
Mein Fazit:
- Es fällt Christian Wulff sichtlich schwer, zu seinen Fehlern zu stehen. Das verrät die Mimik ebenso wie seine Formulierungen, in denen er häufig auf Distanz zu sich selbst geht.
- Wulff möchte sich einerseits gerne als Opfer gesehen wissen, das kein Privatleben haben darf, das keine Freunde haben darf – ja, dem sogar elementare Rechte streitig gemacht werden („…es gibt auch Menschenrechte selbst für Bundespräsidenten“). Als Opfer der Umstände, dass er sich auf dieses höchste Amt aufgrund der Zeitnot nicht ausreichend vorbereiten konnte. Aus diesem Grund müsse er nun eben vieles während der Amtszeit erst lernen.
- Andererseits stellt sich Christian Wullf als Helden dar, der durch seine Transparenz bei der Aufklärung der Sachlage nun neue Maßstäbe setze, der das Amt des Bundespräsidenten in der Vergangenheit gestärkt habe, und der sich nun mutig den Herausforderungen stellt, anstatt davor wegzulaufen.
Doch Eigenlob ist in Krisensituationen ein heikles Instrument. Und leider wollte das Publikum keine amerikanisierte „Good, brave guy“-Show, sondern einfach nur ehrliche, authentische Antworten – von einem „ich“. Nicht von einem „man“.
Das Interview mit Christian Wulff im Wortlaut bei n-tv online.
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Sehr sachlich, nicht journalistisch aufgemotzt-
Die Geschichte mit der Schausten ist in der FAZ
ziemlich breit kommentiert worden, auch durch
Leserbriefe.
Ihre Frage fand ich dümmlich -
Die FAZ nannte ihre Antwort “schmallippig”.
Exzellent … der Artikel spricht mir aus dem Herzen. Was für PR-Berater hat eigentlich unser Herr Bundespräsident, wenn er “ich”-Botschaften in dieser kritischen Situation durch “man”-Botschaften verwirft? Da muss wohl mal ein Profi wie Harald Dobmayer ran … !!