Eine “Hin zu…”-Strategie ist meistens die bessere Wahl

Performance-Tipp Nr. 12: Warum "erreichen" besser ist als "verhindern".

Foto: iStockphoto / BraneBoi

Mit Verhinderungskommandos kann unser Gehirn nicht viel anfangen.

Das olympische Halbfinale im Degen-Fechten der Damen brachte der Deutschen Britta Heidemann den Sieg „in letzter Hundertstelsekunde“. Die Goldmedaillen-Gewinnerin von Peking 2008 musste gegen ihre südkoreanische Widersacherin Shin A Lam nach einem 5:5 in der regulären Kampfzeit in die einminütige Verlängerung gehen, in der der „Sudden Death“ über den Finaleinzug zu entscheiden hatte.

Das Regelwerk des Fechtsports sieht es vor, dass für den Fall einer Verlängerung vor dem Kampf bereits ein Vorteil ausgelost wird: Wen das Los trifft, der gilt bei einem Unentschieden auch nach der Verlängerung als Sieger des Duells. Britta Heidemann verlor den Losentscheid – und machte damit möglicherweise den ersten Schritt in Richtung Finale.

Denn die 60 Extra-Sekunden gestalteten sich ebenso ausgeglichen wie die reguläre Kampfzeit. Immer wieder landeten beide Fechterinnen ihre Treffer gleichzeitig. Doch dank des vorherigen Losentscheids zugunsten der Südkoreanerin lief die Zeit nun für Shin A Lam: Würde Britta Heinemann keinen alleinigen Treffer mehr landen können, so würde die Asiatin in den Kampf um Gold oder Silber einziehen.

Entsprechend passiv agierte Shin A Lam, beschränkte ihre Aktionen darauf, die Vorstöße der Deutschen zu kontern. „Jetzt bloß keinen Einzeltreffer kassieren“, schien die Maxime der Südkoreanerin zu lauten – eine klare „Weg von…“-Strategie. Britta Heinemann brauchte genau diesen alleinigen Treffer und schien sich darauf uneingeschränkt zu fokussieren – eine „Hin zu…“-Strategie.

Immer wieder erleben wir es im Sport, dass einzelne Athleten oder auch Mannschaften scheitern, wenn sie versuchen, einen Vorsprung (oder einen Los-Vorteil wie gestern beim Degen-Fechten) über die Zeit zu retten. Und sehr oft gelingt es den Gegnern auf der anderen Seite, eine solche Strategie der Absicherung zu durchbrechen. Warum?

Unser Gehirn braucht klare Handlungsweisungen.
Negationen lässt es dabei jedoch unter den Tisch fallen.

Der Grund liegt in der Arbeitsweise unseres Gehirns: Es hat grundsätzlich enorme Schwierigkeiten damit, Negationen zu verarbeiten. Machen Sie einmal einen Test: Denken Sie eine Minute lang nicht an einen regnerischen Himmel. Merken Sie etwas? Zunächst einmal baut Ihr Gehirn genau das Bild auf, an das es nicht denken soll.

Ist es Ihnen anschließend doch gelungen, nicht an den Regenhimmel zu denken? Dann wahrscheinlich deshalb, weil Sie von einer „Weg von (dem regnerischen Himmel)“- auf eine „Hin zu (etwas anderem)“-Strategie umgestellt haben: Womöglich haben Sie stattdessen an einen klaren, sonnenbeschienenen blauen Himmel gedacht und so das negative Bild aus ihrem Kopf verdrängt.

Leider werden wir in unserem westlichen Kulturkreis bereits von Kindesbeinen an darauf getrimmt, auf negative Dinge zu achten, die wir verändern und von denen wir uns fernhalten sollen, statt auf positive Aspekte, in deren Richtung wir uns zukünftig bewegen möchten. Auch im Alltag täten wir daher gut daran, ab und an von gängigen „Weg von…“-Strategien auf positiv formulierte „Hin zu…“-Strategien umzuschalten.

Foto: A. Philipp

Weg vom Wasser oder hin zur Fahne?

Golfer kennen die schädliche Wirkung solcher „Weg von…“-Strategien zur Genüge: Wenn zwischen Ball und Fahne ein Wasserhindernis lauert, dann scheint dieses unseren Ball geradezu magisch anzuziehen. „Jetzt bloß nicht ins Wasser schlagen“, mag hier der Gedanke lauten, und schon legt unser Kopfkino den Film „Der Ball, der ins  Wasser fliegt“ ein – natürlich nur, um zu wissen, was gleich auf gar keinen Fall passieren darf…!

„Jetzt bloß keinen Doppelfehler!“ „Bitte jetzt keinen Fehlstart!“ „Alles, nur nicht vom Schwebebalken fallen!“ „Mach bloß keinen Fehlschuss!“ „Hör auf damit, nur auf Deinen Gegner zu schauen!“ Die Liste der gefährlichen „Weg von…“-Formulierungen ließe sich quer durch alle Sportarten unendlich fortsetzen. Und auch Trainer machen leider allzu häufig davon Gebrauch, wenn sie ihre Schützlinge vermeintlich nach vorne pushen wollen. So redete Boxtrainer Kenny Weldon beim WBO-Weltmeisterschaftskampf 2006 auf seinen Schützling Sergei Liakhovich gegen den US-Amerikaner Shannon Briggs in der Pause vor der letzten Runde ein: „Stop those stupid punches! If you keep on doing those stupid punches, you’ll lose!“

Der Weißrusse lag zu diesem Zeitpunkt nach Punkten vorne. Doch sein (sicherlich auch bereits angeschlagenes) Gehirn konzentrierte sich nur noch auf das Objekt der “Weg von…“-Strategie seines Trainers und produzierte weiterhin zahlreiche sinnlose und kraftraubende Schläge ohne Wirkung. Briggs‘ Trainer Jeff Mayweather hingegen stattete seinen Boxer mit einer klaren „Hin zu…“-Strategie aus: „You gotta knock him out! It’s your choice! You’ve got the power, you’ve got the punch! Throw him his balls through the wall!” Das nenne ich klare Handlungsanweisungen! Wenige Sekunden vor dem regulären Kampfende lag Liakhovich k. o. auf dem Tisch der Punktrichter, und Shannon Briggs konnte sich dank einer überlegenen „Hin zu…“-Strategie den Gürtel des Schwergewichtsweltmeisters um die Hüfte legen.

Auch Britta Heidemann gewann ihr Halbfinal-Duell dank ihres klaren Fokus‘ auf den zwingend notwendigen Treffer. Hätte ihre Gegnerin sich bereits vorher auf das Setzen von eigenen Treffern statt auf das Verhindern von Gegentreffern fokussiert, so hätte sich ihr Team den Protest gegen die Wertung von Heidemanns letztem Treffer sparen können, und Olympia 2012 wäre um einen Eklat ärmer.


Über den Autor

Harald Dobmayer

Harald Dobmayer

Harald begann seine berufliche Laufbahn 1987 als freier Wort- und Bildjournalist für zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften. Anfang der Neunziger Jahre verlagerte er seinen Tätigkeitsschwerpunkt in Richtung Beratung, Coaching und Training. Er arbeitet mit Spitzensportlern, Medienpersönlichkeiten und Top-Managern und bietet unter dem Markennamen pro performance® Medien- und Auftrittstraining sowie unter dem Markennamen MENT2WIN® Mental-Coachings an.

 
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