Von der Möglichkeit des Unmöglichen

Nicolai Friedrich über die Kunst, den Alltag mental zu verzaubern

Sie haben dem Unterbewusstsein in Ihrem Buch ein eigenes Kapitel gewidmet. Warum ist Ihnen dieses Thema so wichtig?

Nicolai Friedrich
Foto: Tine Acke

Die größte Illusion unseres Geistes ist, dass wir glauben, alles um uns herum wahrzunehmen. Dabei beruht ein großer Teil unseres sogenannten Wissens auf vorschnellen Annahmen und Schlussfolgerungen. Wir sollten unsere Antennen unbedingt auch in die Richtung ausrichten, Dinge für möglich zu halten und in Betracht zu ziehen, die uns zunächst einmal abwegig vorkommen.

Andererseits nehmen wir jedoch unterbewusst auch viel mehr Dinge wahr, als wir zunächst bewusst mitbekommen. Schauen wir uns doch unsere Kommunikation einmal an: Nur ein kleiner Teil der Wirkung einer Aussage wird direkt über das gesprochene Wort vermittelt. Mimik, Stimmlage, Körpersprache – das spielt alles mit rein und wird von unserem Unterbewusstsein wahrgenommen.

Inkongruenzen zwischen eigentlicher Aussage und Körpersprache nehmen wir dadurch wahr, dass wir „irgendwie ein merkwürdiges Gefühl“ bei dem haben, was der andere uns erzählt. Intuition und Bauchgefühl sind daher nichts, was wir als Esoterik-Hokuspokus abtun sollten.

 

Stichwort „Überzeugungen“: Wie wichtig ist es für Sie, daran zu glauben, dass Ihre Tricks funktionieren?

Beim Zauberer ist die Überzeugung sogar besonders wichtig: Täuschung oder Enttäuschung – da gibt es nichts dazwischen! Es gibt nicht „halb-unmöglich“! Somit müssen Sie sich sicher sein, dass es klappt. Aber dafür müssen Sie sich eben sehr gut vorbereiten. Wenn Sie das nicht tun und nur ganz fest an sich glauben, werden Sie übel auf die Nase fallen.

Die größte Illusion unseres Geistes ist,
dass wir glauben,
alles um uns herum wahrzunehmen.

Das betone ich gerne nochmal: Unabhängig davon, wie wichtig unser Denken ist – noch wichtiger ist die ihm zugrunde liegende Vorbereitung! Wenn Sie einen Nicht-Schwimmer dazu motivieren, ins Wasser zu springen – was durchaus geht! – wird er ertrinken.

 

Hat das auch etwas mit positivem Visualisieren zu tun?

Nicolai Friedrich
Foto: Michael Ritz

Nicolai Friedrich

Ich bin nicht unbedingt ein Freund des klassischen positiven Denkens. Natürlich mache ich das bis zu einem gewissen Grad auch. Aber die grundsätzliche Denkweise „Ach, es wird schon gut gehen“ halte ich für gefährlich. Das Zauberwort heißt „Handeln“ und nicht „Vertrauen“.

Und dann müssen wir auch mal schauen, was uns mehr motiviert: Die Aussicht auf Erfolg oder die Angst vor dem Scheitern? Wann renne ich schneller: Wenn der Tiger hinter mir läuft, der mich fressen will, oder wenn ich die große Torte vorne auf dem Tisch sehe? Ich benutze also oft gerade negative Bilder, um mich in die Gänge zu bringen.

 

Das nehme ich Ihnen so nicht ab. Ganz bestimmt ist da irgendwo eine positive Grundeinstellung verborgen, sonst wären Sie nicht so erfolgreich.

Ja: Die optimistische Grundhaltung „Wenn ich handle, werde ich am Ende auch erfolgreich sein!“ Aber ich muss eben auch handeln! Und um mich dazu zu motivieren, benutze ich im Vorfeld auch Worst Case-Szenarien, die mich in die Gänge bringen. Wahrscheinlich werden jetzt sämtliche Psychologen auf die Barrikaden gehen, aber ich kann Ihnen versichern: Für mich war es bislang sehr zielführend.

 

Haben Sie nie die Sorge, dass Ihr Publikum oder jemand, den Sie auf die Bühne holen, Ihre Tricks durchschauen?

Diese Angst darf bei mir überhaupt nicht aufkommen. Meine mentalen Ressourcen sind begrenzt, und auf solche Gedanken verschwende ich keine Energie. Ich weiß, dass ich mich sehr gut vorbereitet habe. Wenn es dennoch passieren sollte, dann gehe ich schon damit um.

 

Was können Sie unseren Lesern für Bühnenauftritte empfehlen?

Es gibt ein paar Grundregeln: Beispielsweise sollten Sie sich nicht im Vorhinein schon für irgendetwas entschuldigen, sonst fällt das gleich dreimal mehr auf. Wenn jemand einen Vortrag so beginnt: „Ich konnte mich leider nicht gut vorbereiten…“, dann hört das Publikum automatisch viel mehr Fehler heraus.

Tipps gegen Lampenfieber:
Nehmen Sie die Sicht Ihres Publikums ein!
Ansonsten gilt: Locker bleiben.

Dann sollten Sie sich vor Augen führen, dass die meisten Fehler überhaupt nicht schlimm sind. Schauen Sie sich mal an, wie viele Versprecher Thomas Gottschalk in seinen „Wetten dass..?“-Sendungen hatte! Solche kleinen Haken tun Ihrer Rede überhaupt keinen Abbruch. Sie sind nur dann schlimm, wenn Sie selbst darüber stolpern, sich verhaspeln, sich entschuldigen und sich dadurch letztendlich selbst blockieren.

 

Haben Sie Tipps gegen Lampenfieber?

Nehmen Sie einfach mal die Sicht des Publikums ein! Oft wird das Publikum ja als ein Gegner betrachtet, was völliger Quatsch ist! Die Leute sind gekommen, um Ihnen zuzuhören. Die sind Ihnen erst einmal wohlgesonnen und freuen sich auf das, was Sie ihnen erzählen werden.

Ansonsten gilt immer: Locker bleiben. Lockere Körperhaltung. Gelassen und spielerisch an das Ganze herangehen. Und Humor ist wichtig. Über die eigenen Versprecher lachen zu können, macht sympathisch.

 

Welche drei Mentaltechniken sollten sich Anfänger als erstes anschauen?

Als Grundeinstellung halte ich „Geht nicht, gibt’s nicht!“ für sehr wichtig. Fest gesteckte Grenzen nicht einfach zu akzeptieren, sondern auch zu hinterfragen. Dann gilt es, kreativ zu bleiben. Eine Sache können Mentalanfänger tatsächlich direkt aus der Zauberei lernen: Manchmal nicht ausschließlich auf ein konkretes Ziel abzustellen, sondern eher auf den Zieleffekt. Der ist manchmal gar nicht schlechter.

Nicolai Friedrich (li.), Harald Dobmayer
Foto: Michael Ritz

Nicolai Friedrich (li.), Harald Dobmayer

Nehmen wir beispielsweise die Fliegerei: „Menschen werden niemals fliegen“, behauptete Milton Wright bereits 1903. Und er hat bis heute Recht behalten! Aber die Menschen haben Flugzeuge erfunden, mit denen sie höchst komfortabel den Effekt des Fliegens erreichen können.

Und dann gibt es ein paar Tricks, wie man sich pushen kann, wenn man mal einen Durchhänger hat: Aufrecht hinsetzen, tief ein- und ausatmen und sich ein richtig herzhaftes Lachen aufs Gesicht setzen! Laut Wissenschaftlern reicht es schon, sich einen Bleistift quer und hinten zwischen die Mundwinkel zu klemmen. Allein diese Grimasse des Lachens bewirkt, dass wir uns schon gar nicht mehr schlecht fühlen können. Probieren Sie es aus!

Über den Autor

Harald Dobmayer

Harald Dobmayer

Harald begann seine berufliche Laufbahn 1987 als freier Wort- und Bildjournalist für zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften. Anfang der Neunziger Jahre verlagerte er seinen Tätigkeitsschwerpunkt in Richtung Beratung, Coaching und Training. Er arbeitet mit Spitzensportlern, Medienpersönlichkeiten und Top-Managern und bietet unter dem Markennamen pro performance® Medien- und Auftrittstraining sowie unter dem Markennamen MENT2WIN® Mental-Coachings an.

 
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