Von der Möglichkeit des Unmöglichen

Nicolai Friedrich über die Kunst, den Alltag mental zu verzaubern

Nicolai Friedrich

Mentalmagier

Nicolai Friedrich ist einer der bekanntesten Magier im deutschsprachigen Raum. Bereits im Alter von 21 Jahren wurde er vom Magischen Zirkel 1997 zum Magier des Jahres gewählt. 1998 bekam er in Las Vegas von Siegfried & Roy den »Sarmoti Award« verliehen.

Im Jahre 2007 gewann er den internationalen Showpreis in der Sparte Magie. 2008 begeisterte er ein Millionenpublikum als Finalist der TV Show »The next Uri Geller«. 2009 auf der Weltmeisterschaft der Magier in Peking erhielt er den Preis für die Beste Darbietung in der Königsdisziplin Mentalmagie. 2010 bekam er den »Artist Allstars Award« – Künstler des Jahres in der Sparte Illusion verliehen.

Sein Zaubertrick "Das Lächeln der Mona Lisa" begeisterte sogar David Copperfield derart, dass er ihm die Exklusivrechte für das amerikanische Fernsehen abkaufte.

Zur Beruhigung seiner Mutter zauberte sich Nicolai »nebenbei« zwei juristische
Prädikatsexamina und einen Master (L.LM.) und ist als zugelassener Rechtsanwalt
mit Schwerpunkt Medienrecht in Frankfurt am Main tätig.


Herr Friedrich, hat jeder das Zeug zum Mentalmagier?

Natürlich! Mentale Magie hat nichts mit übersinnlichem Hokuspokus zu tun, auch wenn es auf der Bühne so aussieht und auch so aussehen soll. Das kann man alles lernen.

 

Ist Mentalmagie etwas, was man auch im Alltag nutzen kann?

Nicolai Friedrich
Foto: Tine Acke

Mentalmagie ist eine Mischung aus Psychologie, Suggestion und Trick. Sie beschäftigt sich damit, wie Menschen funktionieren und denken. Und dieses Wissen können Sie natürlich auch im Alltag einsetzen. Es hat ja durchaus Vorteile, wenn Sie wissen, wie Ihr Gegenüber tickt. Gerade auch, wenn es darum geht, jemanden einzuschätzen oder zu beeinflussen. Und Sie können auch sich selbst vor Beeinflussung schützen.

 

Sie sind – momentan eher nebenbei – auch als Anwalt zugelassen und tätig. Ist das auch ein Bereich, in dem Sie Ihre mentalen Fähigkeiten anwenden können?

Natürlich wende ich die an. Aber jeder andere gute Rechtsanwalt wendet das genauso an! Auch jeder gute Verkäufer hat einen Großteil dieser Techniken drauf, obwohl er sich dessen vielleicht gar nicht bewusst ist.

 

Nennen Sie doch mal Beispiele, bitte.

Eine klassische Technik in einer Verkaufssituation: Sie sollten Ihren Kunden immer erst einmal dort abholen, wo er gerade ist. Sie müssen eine Wellenlänge mit dem Kunden aufbauen, eine Empathie.

 

Im Coaching nennen wir das „Rapport aufbauen“…

Nicolai Friedrich (li.), Harald Dobmayer
Foto: Michael Ritz

Nicolai Friedrich (li.), Harald Dobmayer

Ganz genau. Das ist ja auch überhaupt nicht gegen Ihr Gegenüber gerichtet, sondern sogar zu seinem Wohl, wenn Sie es schaffen, seine Bedürfnisse zu erkennen und optimal zu bedienen. So gibt es beispielsweise Menschen, die denken eher visuell, andere eher auditiv.

Und das können Sie im Gespräch herausfinden: Wenn jemand sagt „Das sieht gut aus!“, dann denkt er vielleicht eher visuell. Wenn er sagt „Das hört sich gut an“, dann ist er wohl eher ein auditiver Typ. Als guter Verkäufer sollte ich einem stärker visuell denkenden Kunden eher eine Kaffeemaschine mit einem tollen Design verkaufen statt einer Maschine, die lediglich das beste Preis-/Leistungsverhältnis vorweisen kann.

 

Was können sich Ihre Zuschauer bei Ihnen abschauen?

In meinen Shows geht es ja darum, die Leute zu verblüffen, sie zum Staunen zu bringen. Mir geht es darum, dass sie Wow-Erlebnisse haben und sagen „Das verstehe ich nicht, mein Weltbild wird hier gerade erschüttert!“ Für mich ist die Zauberkunst so ein wenig die Metapher für die Möglichkeit des vermeintlich Unmöglichen. Es geht immer mehr, als man denkt! „Geht nicht“ gibt’s nicht, sonst könnte der Zauberer einpacken.

Vieles von unserer kindlichen Fantasie
ist uns im Laufe der Jahre leider verloren gegangen.

Ich möchte den Horizont meiner Zuschauer erweitern. Unser Verstand limitiert uns viel zu oft, obwohl wir etwas so Großartiges besitzen: unsere Fantasie! Wir können uns eigentlich alles vorstellen – wir machen es nur viel zu selten.

Nicolai Friedrich (li.) mit Uri Geller
Foto: Uwe Grohn

Nicolai Friedrich (li.) mit Uri Geller

Oft frage ich einzelne Personen im Publikum: „Gibt es etwas, das sie schon immer wollten?“ Die meisten sagen dann „Ja, ja!!!“ Und ich entgegne Ihnen: „Das können Sie sofort haben: Machen Sie einfach mal die Augen zu und stellen Sie sich das richtig vor!“

Es gibt mittlerweile wissenschaftliche Studien, die beweisen, dass solche gezielt eingesetzten Tagträume äußerst effektiv sein können. Es geht nicht darum, in Träumereien abzudriften, sondern darum, die Fantasie ganz bewusst einzusetzen. Ich führe mir mein Ziel schon einmal vorab vor Augen, um mich zu motivieren.

 

Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie schwer es für einen Zauberer ist, vor Kindern aufzutreten, weil die sich in ihrer Fantasie ohnehin alles vorstellen können. Wenn der Zauberer dann ein Kaninchen aus seinem Hut zieht, findet ein Kind das zwar schön – aber es ist nichts Besonderes…

Das Kind ist nicht verblüfft. Jeder Erwachsene würde sagen „Wow – wo kommt denn das Kaninchen her?!“ Das Kind denkt sich stattdessen: „Ja klar – das ist ja auch der Zauberer!“ Sie sind noch nicht in den klassischen Denkmuster gefangen wie wir Erwachsenen, und vieles von dieser kindlichen Fantasie ist uns im Laufe der Jahre leider verloren gegangen.

 

Das Kind in uns wieder zum Leben zu erwecken, wäre also auch etwas, das uns nach vorne brächte?

Absolut! Oft hilft es auch, die Dinge nicht so erwachsen-verbissen, sondern lieber mit einer kindlich-spielerischen Leichtigkeit anzugehen. Einfach mal „zu sein“.

 

Also die Dinge weniger erarbeiten, mehr erspielen?

Alles zu seiner Zeit. Ich sage mir immer, die gewissenhafte Vorbereitung ist die Pflicht, der Auftritt ist dann die Kür. Auf der Bühne arbeitet man nicht. Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn Sie als Zuschauer das Gefühl haben, da ist einer auf der Bühne, der echt arbeiten muss. Diese Leichtigkeit erreichen Sie jedoch nur, wenn Sie sich perfekt vorbereitet haben.

 

Das erinnert mich auch ein wenig an die verschiedenen Ebenen der Kompetenz: Kann man sagen, dass Üben und Vorbereiten auf den Ebenen der bewussten Inkompetenz und später der bewussten Kompetenz, das Agieren auf der Bühne jedoch auf der Ebene der unbewussten Kompetenz stattfindet?

Nicolai Friedrich und das Lächeln der Mona Lisa
Foto: Tine Acke

Nicolai Friedrich und das Lächeln der Mona Lisa

Ganz genau. Wie sagt man doch so schön: „Die wahre Kunst beginnt, wenn nicht der Musiker das Instrument spielt, sondern das Instrument den Musiker.“ Das ist der Moment, wo es einfach fließt. Und genauso ist es beim Zaubern: Wenn ich auf die Bühne gehe und selbst noch daran denke „Oh Gott, ich verstecke hier in meiner rechten Hand eine Münze, die darf aber keiner sehen!“ – das wäre schlecht! Wenn ich aber selber vergesse, dass die Münze da ist, und ich greife in die Luft, und sie erscheint, dann überträgt sich der Zauber auf die Zuschauer.

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