“Hindernisse sind manchmal ziemlich hilfreich…”

Weltklasse-Musikerin Hilary Hahn über Motivation, Sinneskanäle, Lampenfieber und den Schlüssel zum Erfolg

Hilary Hahn
© Mathias Botor / DG

Hilary Hahn

Geigerin

1979 im US-Bundesstaat Virginia geboren, begann Hilary Hahn im Alter von drei Jahren mit dem Geigenspiel. Mit zwölf Jahren debütierte sie mit einem Concerto des Schweizer Komponisten Camille Saint-Saëns als Solistin eines großen Orchesters, des Baltimore Symphony Orchestra. 1996 unterschrieb sie im Alter von 16 Jahren ihren ersten Plattenvertrag, seit 2003 veröffentlicht sie bei der Deutschen Grammophon. Bis heute hat die 33-Jährige insgesamt 15 Alben veröffentlicht, von denen zwei mit dem begehrten Grammy ausgezeichnet wurden. Ihr jüngstes Projekt ist eine Sammlung von 27 Zugaben, die Hilary Hahn bei 26 Komponisten aus 17 Ländern in Auftrag gegeben hat. Die 27. Zugabe wurde durch einen Online-Wettbewerb auf Hilarys Website hilaryhahn.com ermittelt. Das entsprechende Album „In 27 Pieces: the Hilary Hahn Encores“ wird voraussichtlich im Laufe der Saison 2013/14 erscheinen.

Ich treffe Hilary vor der Kunsthalle in Hamburg. Mit ihrer Wollmütze und den ebenfalls wollenen Beinwärmern wirkt sie unscheinbar – eher wie eine unbekannte Kunststudentin als wie ein Weltstar, der regelmäßig auf allen großen Bühnen der Klassikwelt auftritt. Doch in erster Linie sind es ihre unkomplizierte, völlig unprätentiöse Art, ihr ungespieltes Interesse an anderen Menschen und ihre offene Bereitschaft, ihre Gedanken und Gefühle mit einem breiten Publikum zu teilen, die es leicht machen, mit ihr ins Gespräch zu kommen. Ein Gespräch, das letztendlich erst nach drei spannenden Stunden ein Ende fand.


Hilary, ist es möglich, die eigene Persönlichkeit in die Musik einzubringen?

Hilary Hahn & Harald Dobmayer Hilary Hahn & Harald Dobmayer

Hilary Hahn & Harald Dobmayer

Ja, und zwar über das so genannte Phrasieren. Das funktioniert im Grunde genauso wie mit dem Unterton in der Stimme: Du betonst einfach ein anderes Wort im Satz, und schon ändert sich unter Umständen die gesamte Bedeutung.

Beim Phrasieren geht es darum, wie lange Du eine Note hältst, wie laut Du sie spielst, wie weich, und um den Rhythmus. Klassische Musik wirkt zwar immer sehr präzise, aber das ist relativ. Die eine Note ist vielleicht etwa doppelt so lang wie die andere. Aber wenn Du sie dreimal so lang spielen möchtest, ist das völlig okay. Auf diese Weise kannst Du durchaus Deine eigene Persönlichkeit in ein Stück einbringen.

 

Nimmst Du das Publikum während eines Auftritts eigentlich wahr?

Ja. Ich bin mir nicht immer sicher, ob ich sie richtig wahrnehme oder ob ich mir das nur einbilde. Aber in dem Augenblick ist das nun mal die Realität, mit der Du arbeitest. Es gibt auch immer wieder Sachen, die ich lustig finde, zum Beispiel wenn ich während eines Konzerts merke, dass jemand in der ersten Reihe anfängt, im Programmheft zu lesen. In so einem Moment denke ich „Oh, den hast Du wohl verloren. Sieh‘ zu, dass Du ihn Dir zurückholst!“

 

So etwas bemerkst Du?

Ja klar! Die Leute denken immer, dass Du das auf der Bühne nicht erkennen könntest, das stimmt aber nicht! Es fällt immer auch etwas Bühnenlicht in den Publikumsbereich. Es macht ja durchaus auch Spaß, während eines Konzerts zu lesen, manchmal hilft es Dir sogar beim Zuhören, einfach mal nicht auch noch hinzuschauen. Mich stört das überhaupt nicht. Aber wenn ich sehe, dass das jemand macht, denke ich mir manchmal irgendetwas Überraschendes aus, um zu schauen, ob sie oder er dann aufhört zu lesen. Ist so ein kleines Spielchen von mir.

 

Das erinnert mich so ein bisschen an Haydns „Symphonie mit dem Paukenschlag.“ Ich hab mal gehört, dass er den Paukenschlag im zweiten Satz damals eingebaut hat, um sein Publikum wieder aufzuwecken. Da habt Ihr beide ungefähr die gleiche böse Absicht, oder?

Na ja, ich mache das nicht ganz so auffällig! (Lacht) Manchmal merke ich einfach, während ich ein Stück spiele, dass ich es doch mal in eine bestimmte Richtung verändern könnte. Ein anderes Beispiel ist übrigens, wenn jemand ein Programmheft fallen lässt. Normalerweise ist das immer ein sicheres Zeichen dafür, dass derjenige grad richtig in der Musik drin war. Sonst würde er ja nicht vergessen, dass er irgendetwas in der Hand hält.

 

Spürst Du, ob das Publikum es mag, wie Du ein Stück an einem bestimmten Abend spielst?

In 27 Pieces In 27 Pieces
Deutsche Grammophon

Cover "In 27 Pieces", 2013/14

Ich kann das so ungefähr von ihrer Reaktion abschätzen. Ich bemühe mich immer, die Musik dem Publikum bestmöglich rüberzubringen. Das heißt natürlich nicht, dass sich alle voll damit identifizieren. Wenn ich eine Halle betrete und spüre, dass da irgendwie eine eigenartige Stimmung vorherrscht, dann ist es meine Aufgabe, alles mir Mögliche zu versuchen, die Stimmung zu heben.

Also versuche ich, das Publikum zu erreichen, die Stimmung zu drehen und alle irgendwie zusammenzuführen. Unabhängig davon, ob das klappt oder nicht – das muss mein Ziel sein! Und dieses Ziel ist ziemlich motivierend. Wenn da eine richtig gute Atmosphäre ist, verschafft Dir das gleich eine Extra-Portion Energie!

 

Ich habe mal gelesen, dass manche Menschen Musik gerne über alle denkbaren Wahrnehmungskanäle spüren möchten, sogar über das Riechen. Ich kann mir allerdings beim besten Willen nicht vorstellen, wie man Musik riechen kann…

Also, ich rieche manchmal Musiker… Spaß beiseite, Musiker sind in der Regel sehr gepflegt (lacht). Nein, kann ich mir auch nicht vorstellen. Es würde mich aber nicht wundern, wenn manche Leute das anders sähen. Das ist wie mit den Emotionen: Manche Leute fühlen etwas und fangen an zu weinen. Und das muss überhaupt nicht bedeuten, dass sie traurig sind! Musik ist nun einmal etwas sehr Persönliches. Jeder nimmt sie anders wahr.

 

Ich habe auch gelesen, dass manche Menschen sogar Schmerzen spüren möchten, wenn sie Musik hören…

Nun ja, wenn ihnen das etwas gibt… Menschen reagieren durchaus auch körperlich sehr stark auf Musik. Es ist ein sehr extremes Gefühl. wenn alle um einen herum das gleiche erleben und sich darauf konzentrieren. Manche Menschen finden das sehr entspannend, andere eher anregend, wieder andere schlafen dabei ein, was ich völlig in Ordnung finde. Und manche können danach gar nicht schlafen. Die Reaktionen sind da sehr individuell.

 

Bist Du Dir eigentlich bewusst, dass Du fast täglich die meines Erachtens stärkste „mentale Droge” erhältst, die es gibt: positives Feedback?

Das ist mir durchaus bewusst. Das bestärkt mich immer wieder aufs Neue. Auf der anderen Seite weißt Du selbst es aber doch am besten, ob Du einen guten Job machst oder nicht. Wenn Du Komplimente von Menschen bekommst, die Du nicht kennst, ist das sehr schmeichelhaft. Viel interessanter finde ich jedoch zu erfahren, was Leute empfinden, die das erste Mal in ihrem Leben ein Konzert besuchen. Die vielen kleinen Details, die solche Menschen wahrnehmen, die diesbezüglich völlig unberührt sind. Das ermöglicht es mir, die Dinge auch wieder unvoreingenommen zu betrachten.

Wenn Du Dir das Positive anhörst,
musst Du auch fürs Negative offen sein.
Du kannst Dir da nicht einfach das Beste rauspicken!

Mir ist Feedback wichtig, das meine eigene Perspektive verändert. Ich weiß Komplimente durchaus zu schätzen. Gleichzeitig gibt es natürlich auch immer negative Kritiken. Wenn Du öffentlich gelobt wirst, stehst Du auch öffentlich in der Kritik. Wenn Du Dir das Positive anhörst, musst Du auch fürs Negative offen sein. Du kannst Dir da nicht einfach das Beste rauspicken!

 

Vermisst Du das Publikum und das Live-Feedback, wenn Du nicht tourst?

Nein. Ich bin mit und ohne glücklich. Ich trete wirklich gerne auf. Die chemischen Abläufe in Deinem Körper sind dann völlig anders als im Übungsraum, und dann verändert sich natürlich auch Deine ganze geistige Haltung. Aber es ist nicht so, dass ich dafür lebe und nichts anderes an dieses Gefühl herankommt. Mir geht’s auch gut, wenn ich mal ein paar Monate nicht auftrete. Wenn ich ganz aufhören würde, wäre es vielleicht anders, keine Ahnung.

 

Kennst Du so etwas wie Lampenfieber?

Hilary Hahn 2006 Hilary Hahn 2006
© Mathias Bothor / DG

Hilary Hahn, 2006

Ich glaube nicht, dass ich Lampenfieber habe. Natürlich schütte ich auf der Bühne mehr Adrenalin aus, aber ich spiele damit eigentlich ziemlich gut. Es erlaubt mir, ruhig und gleichzeitig geistig flexibel zu sein. Ich nehme alles um mich herum wahr.

Ein Teil meines Gehirns ist in so einer Art meditativen, kreativen Modus. Ich sehe manche Ideen dann auf einmal aus einem völlig anderen Winkel. Neue Ideen, neue Gefühle, und die kann ich dann wunderbar in Konzepte einbinden. Das geht alles sehr, sehr schnell. Es fühlt sich an, als wärst Du mental auf einmal auf einer höheren Rotationsstufe.

 

Das hört sich wirklich nicht nach Lampenfieber an. Eher so, als wärst Du mental hoch aktiviert.

Stimmt. Aber wenn ich ein Stück zum ersten Mal spiele, dann kann ich oft sehr gut nachempfinden, was die Leute meinen, wenn sie von Lampenfieber sprechen. Bei einer Premiere tauchst Du quasi ohne Sicherheitsnetz in diese Situation ein und musst es irgendwie hinkriegen. Ich denke dann aber eher: Wenn jetzt irgendwas schiefläuft, passiert trotzdem nichts Schlimmes. Dann fängst Du einfach nochmal von vorne an.

 

Schon mal erlebt?

Klar! Ist völlig okay! Kein großes Ding! Solange Du weißt, dass Du gut vorbereitet bist und alles Dir Mögliche getan hast. Das macht doch einen Live-Auftritt aus: Sachen passieren nun mal, das macht es doch gerade interessant! Für das Publikum ist das kein Problem, solange Du nicht total durchdrehst deswegen. Die mögen sogar Momente, in denen sie Dich von einer sehr persönlichen Seite kennenlernen, und das ist ganz sicher so eine Situation.

Wenn irgendwas schiefläuft, passiert trotzdem nichts Schlimmes.
Dann fängst Du einfach nochmal von vorne an.
Kein großes Ding! Solange Du weißt,
dass Du gut vorbereitet bist und alles Dir Mögliche getan hast.

Wenn Du natürlich durchdrehst, fühlt sich auch das Publikum unwohl. Für mich ist das wie Fallschirmspringen: Ich hab das noch nie gemacht, aber ich denke, wenn ich aus einem Flugzeug springen müsste, hätte ich schon ziemlich Schiss und würde denken: “Nee, nee, nee, ich will das nicht machen, ich will das nicht, ich will das nicht!” Und dann springst Du raus. Mit einem Unterschied: Wenn auf der Bühne etwas schief läuft, stirbst Du nicht.

 

Fang doch lieber erstmal mit Stagediving an!

(Lacht) Also, dabei würde ich wahrscheinlich sogar eher sterben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Klassik-Publikum mich auffangen würde. Die würden wahrscheinlich da sitzen und denken: „Hm, was macht sie da bloß…?“

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5 Kommentare zu ““Hindernisse sind manchmal ziemlich hilfreich…””

  • Nunzio Esposito
     

    Ein sehr schön und offen geführtes Interview Harald.
    Kompliment! Und Hilary Hahn wie man sieht, nicht nur eine klasse Geigerin, sondern auch eine bezaubernde Erscheinung.

    Weiter viel Erfolg.
    Grüße, Nunzio

    • Harald Dobmayer
      Harald Dobmayer
       

      Vielen Dank, Nunzio, das freut mich sehr!

  • Thomas Schneider
     

    Sehr schönes und aufschlussreiches Interview.
    Und du hast dir damit auch noch einen persönlichen Traum verwirklicht. Cool! :-)
    Grüsse aus der Schweiz, Thomas

    • Harald Dobmayer
      Harald Dobmayer
       

      Dankeschön, Tomaso. Ja, die Liste der Wunsch-Interviewpartner ist zwar immer noch lang, aber das war schon ein Highlight.

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